Die Havel am Grunewaldturm

Es ist Sonntag. Und es ist Sommer. Das Thermometer in unserer Küche zeigte am Morgen Temperaturen über zwanzig Grad an. Wir sitzen an der Haltestelle des 218er Busses, der vom Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) bis zur Pfaueninsel fährt. Pfaueninsel, das klingt magisch. Umso magischer, als ich noch nie dort war und meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Aber zur Pfaueninsel werden wir heute nicht fahren. Wir wollen an die Havel in der Nähe des Grunewaldturmes, wir kennen die Strecke, schon im Winter habe ich mich darauf gefreut, im Sommer erneut hierher zu kommen. In flirrender Hitze warten wir geduldig und verzehren das im ganz nahgelegenen Imbiss gekaufte, mit Tomate und Mozzarella belegte, köstliche Baguette. Wir trinken Apfelsaftschorle dazu. Aus den Augenwinkeln beobachten wir den Doppelstockbus, der bereits vor Minuten eingetroffen ist – der Fahrer durchkämmt in seiner Pause den Bus sorgfältig nach Unrat.

pfaueninsel

Als sich die Bustüren schließlich pünktlich auf die Minute öffnen, bekommen wir keinen der begehrten Plätze in der ersten Reihe im oberen Deck, aber die zweite Reihe tut es dieses Mal auch. Wir fahren vorbei an der ewigen Flamme (Freiheit, Recht, Friede) am Theodor-Heuss-Platz, später geht’s die Heerstraße entlang, irgendwann gelangen wir auf die Havelchaussee. Wie immer stoßen wir manchmal an die Baumkronen. Der Bus ist zum Bersten gefüllt mit Badewilligen und Ausflüglern. Wir beraten leise, wo wir dieses Mal aussteigen werden und entscheiden uns für die Station „Waldhaus“, die nach zwanzigminütiger Fahrt aufblinkt.

Zu Fuß geht es den Abhang herunter, durch den Grunewald, schon sehen wir die Havel in der Sonne aufblitzen, dann liegt sie vor uns, verführerisch lockend. Bereits umlagert von Sonnenanbetern und Wasserfreunden. Hier, bei der Rettungsstelle, ist es oft voll und wir beschließen, uns nach links in Richtung Grunewaldturm zu wenden, um das passende Badeplätzchen zu ergattern. Nach ein paar hundert Metern haben wir es gefunden. Paradiesisch. Hier werden wir unseren Sonntag Nachmittag verbringen, gemeinsam mit, pi mal Daumen, bisher fünfzehn bis zwanzig anderen Badegästen.

Handtücher raus und erstmal in die Badesachen geschlüpft, einen großen Schluck aus der Apfelschorleflasche genommen, die Sonnencreme auf die Haut geschmiert und dann ab – der erste Gang ins Wasser. Ich lasse mir Zeit, teste die Wassertemperatur (angenehm kühl), das Wasser wirkt nicht sehr klar, ein paar Fische huschen vorbei, wie schmutzig es ist, kann ich nur schwer beurteilen – ich fühle mich jedenfalls wohl. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Ball, ich bekomme ein paar Spritzer ab. Links neben mir planschen drei nackte junge Männer. Ich stehe ganz still. Nach einigen Minuten des entspannten Wartens tauche ich unter. Die Kunst, im richtigen Augenblick einzutauchen. Diesen Punkt zu spüren, wenn es von ganz allein geht.

havel

Wir gehen jeder drei Mal ins Wasser, dazwischen liegen wir in der Sonne, lesen, essen ein paar Cracker, nehmen immer wieder einen Schluck aus der Apfelschorleflasche. Familien mit ihren Kindern sehen wir, einen Mann mit einem sehr großen Hund, Paddelboote legen am Ufer an, ab und an schwimmt eine Gruppe Enten vorbei. Auf den Beinen krabbeln Ameisen, die anderen Badegäste rücken näher, unsere Badestelle füllt sich.

Kurz nach drei. Wohlig erschöpft und hungrig packen wir zusammen. Das blonde Pärchen fragt, ob wir jetzt gehen. Ja, sagen wir. Sie wünschen sich unseren Platz und bekommen ihn, hier ist es sonniger, erklärt sie, wir nicken und verabschieden uns freundlich. An den Füßen klebt Sand. Wir schlüpfen wieder in die Schuhe, steigen einen Waldweg nach oben, zur Straße, wir wollen noch zum Grunewaldturm, dort gibt es einen Biergarten mit herrlichem Blick auf den ausgebreiteten Fluss und die ihn umgebenden Bäume, man schaut bis rüber, ja, was ist das, Kladow?

Im Biergarten sind die Bänke nur dort besetzt, wo die Sonnenschirme Schatten spenden. Auf der Bühne spielen sie Jazz, ein Schlagzeuger, ein Saxophonist, der Sänger, Bassist, Keyboarder. Wir essen die Riesencurrywurst mit zweimal Pommes. Heimlich wird ein Schluck aus der Apfelschorleflasche genommen – der Verzehr mitgebrachter Speisen und Getränke ist eigentlich verboten. Neben uns sitzt die Frau mit den kurzen blonden Haaren und den Tattoos, die mir ein paar Stunden früher unten an der Havel schon auffiel, sie trägt ein Lonsdale-T-Shirt, ihre Begleiterin eine Brille.

Zurück nach Hause? Ja.

An der Bushaltestelle warten wir lange, aber der Bus kommt nicht. Mehrfach rufen uns Radfahrer zu, der Bus liege ein paar Kilometer von hier, Motorpanne. Wir kommen ins Gespräch mit anderen Wartenden. Ein Mädchen auf einem Fahrrad möchte wissen, wohin der Bus fährt. Charlottenburg, sagen wir, zum ZOB. Oh, meint sie, Neukölln sei dann ganz nah, oder? Nicht so richtig, nein. Sie beschließt, auf den Bus zu warten, wir haben ihr die Mitfahrt bis zur S-Bahn empfohlen, später will sie doch weiterfahren, fragt uns erneut. Schließlich setzt sie sich hin und lehnt das Fahrrad gegen das Haltestellenzeichen. Die Bäume spenden Schatten, aber wir schwitzen.

Ein weiterer Radfahrer erklärt uns, wir sollten lieber laufen, der Bus sei in eine Polizeikontrolle geraten. Kleiner Aufruhr unter den Wartenden. Was tun? Ein Vater mit seiner vielleicht einjährigen Tochter auf dem Arm hebt scherzhaft deren Hand zum Winken. Wir verstecken uns alle, sagt er, und du winkst, vielleicht hält einer an und nimmt uns alle mit.

Der Bus fährt hier nur alle 30 Minuten, es ist ein Abenteuer. Irgendwann kommt ein Bus, wir wissen nicht, welcher, ist es der mit dem Motorschaden oder der, den die Polizei kontrolliert hat? Wir steigen ein, es ist brechend voll. Das Mädchen, das zum Hermannplatz möchte, ist drei Minuten zuvor ungeduldig mit seinem klapprigen Fahrrad aufgebrochen. Sie war, hatte sie uns gesagt, noch nie in Charlottenburg. Aber sie hat ein Navi, wir müssen uns keine Sorgen machen.

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